Dienstag, 6. November 2012

Das Recht auf einen Neuanfang - Märkische Allgemeine

Marcel S. ist der Mörder von Potzlow in der Uckermark. Zu dritt drangsalierten sie im Juli 2002 den 16-jährigen Marinus Schöberl. S. zertrat ihm schließlich den Kopf. Die Leiche stießen sie in eine Jauchegrube. Das grausige Verbrechen wurde bundesweit mit Schlagzeilen bedacht. Es gibt eine Filmdokumentation „Potzlow – Geschichte X" darüber, ein Theaterstück „Der Kick" und ein Buch „Der Kick. Ein Lehrstück über Gewalt".

Auch Menschen wie Marcel S. haben das Recht auf eine zweite Chance, auf einen Neuanfang. Er wurde vom Landgericht Neuruppin im Oktober 2003 zu 8,5 Jahren Jugendstrafe verurteilt, die er bis zu seiner vorzeitigen Entlassung auf Bewährung im Wriezener Jugendgefängnis verbüßte. Das Filmmuseum zeigt heute eine Dokumentation über die Rückkehr des Marcel S. in die Freiheit. Daniel Abma, ein aus den Niederlanden stammender Regiestudent der Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg, hat Marcel S., Imo und Jano für seine Langzeitdokumentation „Nach Wriezen" über drei Schicksale fast drei Jahre lang begleitet.

An dem Filmprojekt waren 16 Kommilitonen beteiligt. Vor einer Woche hatte „Nach Wriezen" beim Leipziger Dokfilmfestival Deutschlandpremiere. Unmittelbar nach der Vorstellung in Potsdam läuft der Studentenfilm im Programm des Dokumentarfilmfestivals in Amsterdam.

Die Fragestellungen des Daniel Abma klingen nüchtern: „Wie lebt man als einer der Täter von Potzlow? Kann man Drogenmilieu, Gewalt und Mord hinter sich lassen? Kann der Schritt zurück in ein geregeltes Leben, in Arbeit und Familienplanung gelingen?" Der Film soll sich jeder Wertung enthalten und auf einfache Antworten verzichten.

Daniel Abma (34) studiert seit 2008 an der Babelsberger Filmhochschule. Vorher arbeitete er als Sozialarbeiter in der brandenburgischen Povinz, auch im Wriezener Jugendgefängnis. Im Juni 2009 begann er mit dem Filmprojekt, da waren Jano, Imo und Marcel zwischen 17 und 25 Jahre alt. Es brauchte lange, Vertrauen aufzubauen, und es gab Rückschläge. „Bei allen dreien gab es Abbruchversuche, dass man vor der Tür stand, die nicht aufgemacht wurde. Es gab Pausen von vier bis fünf Monaten, doch keiner der Protagonisten ist abgesprungen. Sie haben alle durchgehalten."

Gefragt nach einer besonders berührenden Situation, erzählt der Regisseur, dass alle drei nach ihrer Rückkehr in die Freiheit Väter von Töchtern werden. Jano wird während des Filmprojekts rückfällig und erneut zu einem Jahr und drei Monaten Haft verurteilt. Die Kamera zeigt ihn mit einem Foto von seiner Tochter und seiner Freundin im Gefängnis Wriezen. Mittlerweile ist Jano wieder frei. Er war bei der Filmpremiere in Leipzig dabei. Über Marcel S. wird der Regisseur nur preisgeben was im Film zu sehen ist. Er sagt nicht einmal, ob der Uckermärker heute in Ost- oder Westdeutschland lebt. Er muss ihn schützen, das gehört zu dem auf Vertrauen basierenden Übereinkommen für die Aufnahmen.

Das nächste Filmprojekt Daniel Abmas könnte eine komplett andere Lebenssphäre berühren. Es geht um holländische Senioren, die ihr Leben in einer Gemeinschaft in Spanien verbringen. Einen ersten Rechercheraufenthalt hat Daniel Abma schon absolviert.

„Nach Wriezen" läuft heute im Filmmuseum im Programm einer Buchpremiere „Die Babelsberger Schule des Dokumentarfilms". Beginn: 18 Uhr. (Von Volker Oelschläger)


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