Samstag, 20. April 2013

Alexander Moltschanows Desperado-Stück „Mörder“ in Mainz - Wiesbadener Kurier

Von Jens Frederiksen

Sie kommen hereingewackelt wie die Protagonisten auf dem Laufsteg fr Supercoole. Seka, der Herrscher im Stall, hat die Haare zum Zopf gebunden, trgt Sonnenbrille und zupft unausgesetzt an einem Kartenspiel. Zur anderen Tr ist unterdessen Andrej hereingeschlpft, nicht ganz so lssig wie Seka und deutlich missmutiger. Und dann hat Oksana ihren Auftritt, schiebt das sehr figurbetonte Kleid hoch bis zum Frottee-Slip, springt auf einen Tisch und wippt sich in einen Tanz, der im trauten Heim bei Muttern erst aufs Programm gehrt, wenn die Kinder im Bett sind.

Die Halbstarken unter sich. Alexander Moltschanows Drei-Personen-Stck Mrder, das jetzt in der Regie Philipp Lhles im Deck 3 des Mainzer Staatstheaters zur deutschen Erstauffhrung kam, blendet zurck ins Russland der frhen Nach-Gorbatschow-Jahre, zeigt ein Jugendlichen-Trio bei dem, was es mit der neuen Freiheit verbindet. Und das ist gleich wieder: Sich produzieren, strammstehen, ums berleben kmpfen.

Das Sagen hat Seka. Der schickt Andrej aus, um Spielschulden bei einem Dritten einzutreiben und, wenn das nicht klappt, kurzen Prozess mit dem Delinquenten zu machen. Klar, dass Andrej nicht will. Und damit Andrej sich nicht einfach aus dem Staub macht, gibt Seka ihm seine Freundin Oksana mit auf den Weg. Auch die will nicht sie kann Andrej nicht leiden und wrde viel lieber mit Seka Motorrad fahren. Doch was Seka einmal befohlen hat, gilt. Und so gehts fr Andrej und Oksana los auf die ungeliebte Reise die freilich ganz anders endet, als Seka sich das gedacht hat.

70-Minuten-Ausflug

Autor Alexander Moltschanow erzhlt diese widerborstige Geschichte sehr geradeheraus in Form kleiner schnoddriger Monologe, die regelmig in Dialoge bergehen und bei denen der nach dem Anfangsauftritt beschftigungslose Darsteller des zurckbleibenden Seka in diverse kleinere Rollen vom abweisenden Busfahrer bis hin zu Oksanas noch abweisenderer Mutter hineinverpflichtet wird. Und in Mainz wird daraus ein fulminanter, schnstens die Balance zwischen Ausgeflipptheit und Brutalitt haltender 70-Minuten-Durchgang.

Zlatko Maltar ist der geboren lssige Seka, spter aber auch eine wunderbar mrrische Hausfrau und Mutter mit vorgeschnalltem Bauch und Hackebeilchen, die wie Rammsteins Till Lindemann bei dem Kannibalen-Song Mein Teil mit Metzgerschrze durch einen Nebel des Schreckens geistert. Lisa Mies als das Busenwunder Oksana schaltet mhelos zwischen patzig und nett hin und her. Und Felix Mhlen ist der Underdog, der sich ab und zu einen Ausraster gnnt, um einen letzten Rest an Selbstachtung zu bewahren. Und ganz zum Schluss geht alles in ein strahlendes Lachen ber das sich bei der Premiere wie selbstverstndlich auch auf den anwesenden Autor bertrug.

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